"Die Provokation
Wie weit dürfen wir gehen, was dürfen wir sagen? Fragen, die in der französischen Gesellschaftskomödie „Der Vorname“ („Le Prénom“) von Matthieu Delaporte und Alexandre de La Patellière durch eine schlichte, aber höchst wirkungsvolle Provokation aufgeworfen werden: Ein werdender Vater erzählt in trauter Runde, er (und seine Frau) werden ihrem Baby den Vornamen Adolf geben.
Ab da ist nichts mehr wie zuvor. Peu à peu fallen die Masken, diplomatische Zurückhaltung: perdu! „Der Vorname“ hat jetzt seine Premiere am Boulevardtheater Bremen im Tabakquartier (Woltmershausen) gefeiert. Zu sehen gibt es hier eine sozusagen eingebremerte Fassung, die in einem durch und durch hansestädtischen Bildungsbürger-Haushalt spielt (Bühne: Lisa Dittus; Kostüme: Anika Töbelmann).
Zu spät, nun ist nichts mehr aufzuhalten. Über Jahre mühsam aufgebaute Fassaden stürzen ein; jede und jeder erfährt mal von den anderen, was wirklich über sie beziehungsweise ihn so gedacht wird. Das tut oft weh. Es ist also wie bei einer Familienfeier, die nicht rechtzeitig beendet wurde. Man kennt sowas, nur vielleicht nicht so extrem; manche Reaktionen im Publikum lassen es erahnen. Hier geht es auch um Wahrheiten, die jenseits der Theaterbühne liegen.
Spätestens, nachdem die schwangere Anna hinzugekommen ist, die von der Provokation ihres Mannes noch nichts weiß, gibt eine klassisch komödientypische Verwechslungsnummer der Sache zusätzlich Zucker. Jetzt ist richtig Schwung drin, das ist gut, denn das Ensemble spielt auch gegen gleich zwei bekannte Verfilmungen des Stoffs an (Frankreich 2012 und Deutschland 2018 – von Sönke Wortmann).
Unter der Oberfläche all der Demaskierung und Schreierei auf der Bühne im Bremer Tabakquartier wird auf subtile Weise aber noch eine weitere Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte der Frauen, die sich in unmissverständlicher Bitterkeit entfaltet: Anna und Susanne leiden sehr unter ihren selbstvergessen selbstdarstellerischen Männern. Dieser Aspekt deutet Dramen an, wie sie sich unter vielen Dächern abspielen.
Vera Gobetz und Michaela Schaffrath zeigen die Verzweiflung darüber in diesem Kammerspiel fast beiläufig, eher am Rande, abseits des etwas omnipräsenten großen Geschreis. Es ist eine Verzweiflung, die aus kleinen Gesten und Blicken spricht. Gobetz und Schaffrath machen gerade dies sehr, sehr gut. Und so sind die leisen Momente an diesem Abend zuweilen die lautesten."
(Kreiszeitung, 17.02.25)